Verbale Inkontinenz


Wenn ich sage, dass ich ein zwischenmenschlicher Idiot und ein Verbaltrottel bin, ist das eine gesunde Selbstreflektion. Die Aussage mag zwar etwas hart klingen, beschreibt jedoch sehr gut meine (spontanen) sprachlichen Fähigkeiten.

Die Tatsachen sind nämlich eindeutig:
Von einem studierten Germanisten erwartet man diverse Fertigkeiten. Wort- und Redegewandtheit, einen flüssigen und anmutigen Sprachstil gepaart mit Eloquenz und einem breiten Wortschatz. Sprachliche Überlegenheit. Persönlich zählen für mich auch Schlagfertigkeit und die Qualität des Inhalts dazu; genauso wie es auch selbstverständlich sein sollte, wohlüberlegt zu sprechen.

Das trifft alles nicht auf mich zu. In der mündlichen Kommunikation zumindest.

Denn sobald ich normalen Smalltalk betreiben möchte, meldet sich mein verbaler Durchfall. Er schlägt in den unmöglichsten Situationen zu, beschränkt meinen Wortschatz auf ein Minimum, lässt mich stottern, über Worte stolpern und unüberlegte Dinge äußern. Man kann sich ebenfalls darauf verlassen, dass ich Anekdoten am unlustigsten und unspannendsten erzählen und die Pointe herrlich zerstören kann. Wie oft passiert es mir, dass ich mich für eine Bemerkung schäme, noch bevor ich den Mund wieder geschlossen habe? In diesem Moment begreife ich jedes Mal erneut: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Besonders am Freitag lag mir die Scham schwer im Magen. Wieder habe ich eine "Kurzschlussreaktion" gehabt, Kollegen unterhalten sich neben mir, ich habe ein Wort aufgeschnappt, also kann ich mich mit einem unqualifizierten Kommentar einmischen. Ich bin wütend auf mich. Darüber, dass ich mich durch meine Unfähigkeit jedes Mal aufs Neue in peinliche Situationen bringe; ich bin wütend, weil ich etwas so selbstverständliches und einfaches wie Smalltalk nicht kann. Ich bin wütend, weil ich trotz ständiger Wiederholungen nichts daraus lerne. Ich bin wütend, weil ich keine Kontrolle über mich habe, sobald mich ein Kurzschluss erfasst. Und ich bin wütend, weil ich diese unglücklichen Unterhaltungen stunden- und tagelang Revue passieren lassen kann – es ist ein Fluch, denn Sprachanalysen und -interpretationen gehören für einen Germanisten zum kleinen Einmaleins. Ich bin also tatsächlich in der Lage, mein eigenes Fehlverhalten zu analysieren, nur um kurze Zeit später erneut den selben Fehler zu begehen.

Was hilft dagegen?

Ich muss mir endlich bewusst werden, dass ich sowohl sozial als auch verbal unfähig bin, normale, oberflächliche Beziehungen zu führen und muss aufhören, jedes Mal erneut einen Versuch zu starten. Meine Stärke sind Bücher und darauf sollte ich auch bauen. Möglicherweise klingt es nun etwas anmaßend, doch im Vergleich zur verbalen Kommunikation bin ich wohl im Schriftlichen ganz okay. Sicherlich ist auch diese Fähigkeit erweiterbar, die Basis ist aber zumindest vorhanden. Es ist wesentlich einfacher für mich, mich schriftlich über jegliche Themen zu entfalten, als 30 Minuten Mittagspause "unbeschadet" zu überstehen.
Konkret sehe ich darin eine Lösung, dass ich mich schlichtweg passiv in einem Gespräch verhalte. Zuhören statt peinliche Äußerungen. Klappe halten statt einmischen.
In Zukunft muss ich auch bewusst darauf achten, was ich von mir gebe. Nicht um des Redens Willen, sondern überlegt agieren und wesentliche Informationen kompakt vermitteln.

Theoretisch klingt dieses Vorhaben also ganz gut. Wie sich es nun umsetzen lässt, ist allerdings noch ungewiss. Ich möchte es zumindest versuchen.
Im Übrigen habe ich einen Tag nach meinem "Faux Pass" einen Einfall gehabt, um mir selbst vor Augen zu führen, dass ich doch kein Trottel bin. Wie gesagt, schriftlich bin ich immerhin kein hoffnungsloser Fall. Da ich aktuell jedoch kein Internet habe und recht unregelmäßig bei Freunden bin, um WLAN zu schorren, werde ich dieses Projekt erst ab Mitte Dezember in Angriff nehmen. Bis dahin habe ich wenigstens Zeit, um mir Gedanken zum Konzept zu machen.

Mit diesen Worten der Frustration und vielleicht auch der Zuversicht verabschiede ich mich. Den nächsten Eintrag möchte ich wieder dazu nutzen, um in einem Update zu erzählen, was sich in den letzten Wochen und Monaten bei mir verändert hat. Mein ganzes Leben ist auf den Kopf gestellt und ich sehe mich plötzlich mit Problemen konfrontiert, die ich bisher nicht kannte. Dennoch bin ich sicher, dass in absehbarer Zeit wieder Ruhe einkehren wird. Ruhe, um neue Kraft zu schöpfen und um mich zu regenerieren.

Habt noch einen schönen Sonntag, meine Lieben!
26.11.17 11:12
 


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