Was bisher geschah


Eigentlich dachte ich, dass ich glücklich sei. Davon war ich tatsächlich wirklich überzeugt; ich habe viele Gründe gefunden, weshalb ich es einfach sein muss und irgendwie habe ich mich auch so gefühlt. Glücklich. Zufrieden. Im Reinen mit der Welt. Unbeschwert.

Dann starb im Juli meine Oma.

Bis heute weiß ich nicht so recht, ob ich dieses Ereignis wirklich verarbeitet habe. Manchmal fehlt sie mir unheimlich. Doch mir wurde gar keine Zeit gegeben, um das alles sacken zu lassen und verarbeiten zu können, denn unmittelbar danach wurde meiner Familie und mir das Leben zur Hölle gemacht. Von meinem eigenen Vater.

In die Details möchte ich eigentlich gar nicht weiter gehen. Er hat bewiesen, dass er ungeahnt kreativ sein konnte, wenn es darum ging, wie er uns - meinem Bruder und mir - schaden konnte. Keine Gnade, keine Skrupel. Erst in dieser Phase habe ich begriffen, dass unsere Oma stets ein kleiner Schutzschild zwischen ihm und uns war. Und plötzlich war er der Grund, weshalb ich nichts mehr essen konnte. Ich bekam Bauchschmerzen auf der Arbeit, wenn ich wusste, dass ich gleich nach Hause fahren würde. Ich hatte Angst, was mich dort als nächstes erwartet. Parallel dazu musste ich mir eingestehen, dass ich niemals einen Vater haben werde und auch niemals zuvor hatte. Letztendlich war wohl das das Schwierigste. Verstehen zu wollen, wieso der eigene Vater nur noch so viel Hass und Ablehnung übrig hat... Nein, ich kann es nach wie vor nicht. Es ist nur energie- und kraftraubend. In diesem Zusammenhang kann ich nicht einmal sagen, was mir mehr zusetzt(e): das Unverständnis, die Enttäuschung, der Schmerz? Vermutlich ist es eine sehr ungünstige Mischung daraus. Interessant ist allerdings auch, dass ich ihm nicht mit den selben Gefühlen begegne, die er uns gegenüber offen zeigt. In manchen Momenten wollte ich es. Vielmehr ist es jedoch tiefes Mitleid.

Mitleid dafür, dass er durch sein beschränktes Denken zwar alles unwiderruflich zerstört hat, aber dabei nicht in die Zukunft gedacht hat.

Bereits einen Monat nach dem Tod meiner Oma haben wir schließlich beschlossen, dass es keinen Sinn mehr macht, wenn wir mit ihm weiterhin wie bisher unter einem Dach leben. It never ends, wie BMTH so schön singen. Darüber hinaus wollten wir aus eigener Entscheidung gehen - er arbeitete nämlich fleißig darauf hin, uns auch legal aus dem Haus werfen zu dürfen.

Wie die Wohnungssuche verlief, lässt sich nur wenige Blogeinträge weiter lesen. Sie war erfolgreich und niederschmetternd zugleich. Doch zum Schluss haben mein Bruder, meine Mutter und ich drei wunderschöne Wohnungen gefunden, die alle individuell zu jedem von uns passen und nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind.

Der Umzug war die schlimmste Phase.

Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen müssen und wollen. Mein Unterschied ist messbar; während dieser paar Wochen habe ich aufgrund des Kummers fünf Kilogramm abgenommen, denn mein Körper reagierte auf die Ausnahmesituation. Es ist ein großer Unterschied, ob ich aus meinem Zuhause der letzten 25 Jahre ziehen will oder weil ich muss - mit dem Wissen, dass ich es nie wieder betreten darf. Dass es kein Zurück mehr geben wird. Dass ich so viele Erinnerungen zurücklassen muss, die irgendwann ganz unvermeidlich zu verblassen beginnen. Dass ich meine Gewohnheiten ändern muss, um mich in ein neues Umfeld zu integrieren. Es schmerzt nach wie vor.

Je weiter der Umzug voran schritt, desto unwohler fühlte ich mich auf einmal in meinem Zuhause. Ich ertrug den Anblick meines leeren Zimmers nicht. Zuletzt endete es in Panikattacken. Ich muss gestehen, dass ich nie nachvollziehen konnte, aus welchem Grund man dieses Thema (v.a. im Internet) so breit treten muss. Als ich jedoch in meinem leeren Zuhause stand und regelmäßig keine Luft mehr bekam, verstand ich. Diese Momente zum Schluss, während ich krampfhaft versuchte zu atmen und unvermeidlich immer panischer wurde, waren der traurige Höhepunkt. Der Raum, der mir mein Leben lang Geborgenheit bot, wurde zum Grund für die Attacken.

Mittlerweile wohne ich seit 1,5 Monaten in meiner neuen Wohnung. Eingelebt habe ich mich noch nicht vollständig, doch habe ich mir vorgenommen, dass ich ihr eine Chance gebe. Was bleibt mir auch anderes übrig? So unglaublich es allerdings auch ist - ich merke immer wieder, dass eine schwere Last nach und nach von mir abfällt. Erst jetzt, mit einem kleinen Abstand zu den vergangenen Monaten, traue ich mich durchzuatmen. Der Albtraum ist vorbei.

Mit diesem Blogeintrag habe ich diesmal viel (aber nicht alles) preisgegeben. Wahrscheinlich ist er aus einer Laune heraus einer der intimsten und persönlichsten Einträge geworden, die ich bisher verfasst habe. Ein Hoch auf die Anonymität des Internets! Und trotzdem gibt es noch immer Dinge, die ich niemals laut äußern darf.

Beginnings start with an end. Mein Leben geht weiter und ich werde mich nach einer Verschnaufpause (sie sei mir gegönnt) wieder allen Herausforderungen entgegenstellen. Wer weiß, was schon der morgige Tag für mich bereit hält?


Während des Schreibens habe ich übrigens nun für mich beschlossen, dass diese Geschichte für mich beendet ist. Mein Vater und die Familie, die hinter ihm steht und ihm in so mancherlei Dingen unzweifelhaft das Wasser reichen kann, ist kein Teil meines Lebens mehr.

Er ist keinerlei weiterer Erwähnung wert.

Losgelöst.

Was für ein befreiender Gedanke.
13.12.17 18:38
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marie / Website (27.12.17 19:31)
Ich hoffe, dass Du bald wieder sorgenfreier durch die Welt gehen kannst. Da war ja vieles bei Dir los.
Für das neue Jahr wünsche ich Dir einfach alles Gute und Du wirst sehen, wo etwas blödes endet, beginnt etwas ganz tolles Neues. Ganz sicher!
Alles Liebe, Marie

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